Bestimmte Ereignisse, Gefühle und Sinneswahrnehmungen aus der Zeit der Kindheit sind zwar rückerinnerbar, aber nicht rückholbar.
Es war Weihnachten 1949. Mein Vater war im Frühling aus russischer Kriegsgefangenschaft zu meiner Mutter und mir heimgekommen. Während meine Eltern ihren existenziellen Wunsch, endlich Frieden zu haben, als beglückend erfüllt sahen, war ich Neunjähriger (der seinen Vater erst einmal als fremdes neues Familienmitglied begriff) hochbeglückt, nachdem mein Papa eine kleine linierte Schultafel mit Dreibein für die Bescherung gebastelt hatte. Aber etwas fehlte mir zu meinem frühen Schriftstellerglück. Es gab keine Schreibkreide zu kaufen. In der dritten Volkschulklasse hatte ich es geschafft, meine stimmkräftige „Hütebubenmundart“ durch eine Art Südhochdeutsch zu veredeln. Hilfreich waren dabei die meist hochdeutsch sprechenden Flüchtlingskinder. Die kleine Privatgelehrtentafel sollte mich bei der Veredelung unterstützen. Die Kreidemangelfrage brachte mich dazu, im Gegensatz zu meiner ansonsten zurückhaltenden Unterrichtsmitgestaltung vorne dran zu sein, wenn es galt, die große Schultafel am Unterrichtsende zu säubern. Nun ja! Linkerhand wurde gewischt und in den rechten Hosensack rutschten wie von Geisterhand kleine rote, gelbe, blaue und grüne Restmalkreidestücke. Der Hosensack diente nebenbei auch als Zwischenlager für Angelhaken und ein angerostetes Taschenmesser. Im Zuge meiner journalistischen Tätigkeit an meiner Privattafel geschah es, dass ich meine regenbogenfarbigen Schreibfinger an meinem, dereinst einfarbigen Hemd abputzte. Meine Mutter suchte daraufhin, mittelschwäbisch mosernd, nach der Kreidelagerstätte. Sie observierte meine Hosentaschen und streckte anschließend ihre farbenfrohe Mutterhand anklagend in meine Richtung. Kommentar O-Ton Mama: „Hör auf mit dem Kreide stibitzen, sonst darfst Du nicht mehr in die Schule“! Ich wiederum sah den sehnlichsten aller Weihnachtswünsche in Erfüllung gehen. Ich träumte davon, den noch nicht kalkulierbaren Rest meiner Tage mit Steinpilzsuchen, Forellenjagen in kleinen Bächen und dem, mit 5 Pfennig je Stück honorierten „Schermausfangen“ verbringen zu können. Doch des „Geschickes Mächte“ waren mir nicht hold und so trottete ich am nächsten Morgen wie gehabt in mein Klassenzimmer. Aber später konnte ich in Richtung Schule dennoch sagen:
“ Fortes fortuna adjuvat“ – Das Glück den Tüchtigen.